Das Mädchen mit dem großen Rucksack

Letztes Jahr um diese Zeit lag mir noch ein schwerer Stein im Magen, wenn ich darüber nachdachte, dass nun auch meiner Tochter der Wechsel auf die weiterführende Schule bevorstand. Der Sprung erschien mir zu groß, ja, beinahe gewaltig – erst recht, wenn man bedenkt, wie behütet und liebevoll die Grundschulzeit für sie gewesen ist.

Das lag nicht zuletzt an ihrer wundervollen Klassenlehrerin, die jedes einzelne Kind mit all seinen Stärken und Schwächen wahrgenommen und gesehen hat. Nie zuvor habe ich ein solches Engagement bei einer Lehrkraft erlebt, bemüht, jedem Einzelnen vollauf gerecht zu werden. Obendrein war ihre Klasse mit zum Schluss nur sechzehn Schülerinnen und Schülern sehr klein. Dementsprechend eng war der Kontakt und auch der Zusammenhalt unter den Kindern. Jeder half dem anderen, alle waren ein Team. Kurz gesagt: Die Grundschuljahre waren rundum harmonisch, und es war einfach eine schöne Zeit.

Der Wechsel von einer solch kleinen Gruppe in eine Klasse mit nahezu doppelt so vielen Kindern, fühlte sich einfach so gewaltig an und bereitete mir Unbehagen – wobei mir völlig klar war, dass es sich dabei um eine übliche Klassenstärke handelt und wir in den letzten Jahren einfach nur Glück hatten.

Dementsprechend emotional und tränenreich war dann auch der Abschied von der Grundschule – ein Tag, den meine Tochter, ebenso wie ich, am liebsten aus dem Kalender gestrichen hätte. Die darauffolgenden Sommerferien erschienen nicht lang genug, um sich auf den nächsten großen Lebensabschnitt vorzubereiten, und wir sahen dem ersten Tag in der neuen Schule mit wachsenden Bauchschmerzen entgegen.

Aber was dann geschah, hatte keiner von uns erwartet: Vom ersten Tag an fühlte meine Tochter sich in der neuen Schule pudelwohl. Sie mag ihre beiden Klassenlehrerinnen, von denen eine sogar die Nachbarin ihrer Grundschullehrerin ist, und auch mit ihren Klassenkameraden kommt sie gut aus. Und sogar Unterrichtsfächer, mit denen sie zuvor nur wenig anfangen konnte, bereiten ihr plötzlich Spaß.

Auch sonst hat sich viel verändert. Ich habe das Gefühl, meine Tochter ist einen riesigen Schritt Richtung Teenager gegangen, beinahe so, als wäre die Kindheit auf einen Schlag vorbei. Die zum Teil sehr langen Unterrichtstage schlauchen manchmal ganz schön, und der viel zu große Schulrucksack ist eindeutig zu schwer. Und dennoch geht sie mit Freude zur Schule – und das ist die Hauptsache und unglaublich viel wert.

Und ich? Habe plötzlich mehr Zeit und weniger Bewegung. Denn anstatt, dass ich meine Tochter morgens zu Fuß zur Schule begleite, fährt sie nun mit dem Bus. Allein dadurch, dass Bringen und Abholen wegfällt, habe ich einiges an Zeit dazugewonnen. Und auch die langen Schultage und die Tatsache, dass die Hausaufgaben während des Unterrichts erledigt werden, tun ihren Teil dazu. Am Anfang war das unglaublich seltsam und ungewohnt. Aber inzwischen habe ich mich damit angefreundet und festgestellt, dass ich dadurch viel effizienter arbeiten kann und einfach schneller vorankomme.

Der neue Alltag hat somit viel Positives, und trotzdem wünsche ich mir manchmal die unbeschwerte Grundschulzeit zurück, wo man einfach die Nachmittage verbummeln und mehr gemeinsame Zeit genießen konnte. Aber so ist nun mal der Lauf der Dinge …

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